ADHS im Alter

Über ADHS bei Kindern und Jugendlichen gibt es inzwischen Literatur in Hülle und Fülle. Auch über ADHS bei Erwachsenen wird zunehmend publiziert. Über ADHS im Alter findet man leider gar nichts.

ADHS im Alter ist ein großes Problemfeld, weil die Betroffenen oft uneinsichtig sind und für sich eine solche Disposition nicht endecken wollen, im Gegenteil meist weit von sich schieben. Darunter leiden oft Partner und ganze Familien, aber auch aus dem Pflegebereich hört man zunehmend von Belastungen. Oft müssen Senioren regelrecht durch Diagnose-Mühlen und nicht selten wird dann Demenz oder Parkinson diagnostiziert. Ein fataler Zustand.

Bei meiner Recherche im Netz habe ich lediglich eine Diskussion aus dem Jahr 2007 gefunden. Astrid Neuy-Bartmann scheint sich dem Thema anzunähern.

Hat jemand einen Tipp oder kann in irgendeiner Form dazu beitragen? Vielleicht gibt es Erfahrungen, oder Informationen über MPH-Therapie im Alter?

8 Kommentare

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8 Antworten zu ADHS im Alter

  1. Was mir dazu einfällt:

    Ich habe auf einem Vortrag (Krause & Krause) mal gehört, daß die ideale MPH-Dosis mit zunehmendem Alter abnimmt. Das hat was mit dem Transmitterhaushalt zu tun.

    Alte ADHSler sind als Kinder wohl kaum in den Genuß einer geeigneten Behandlung gekommen, damals wußte man noch nichts.

    Ich kann mir vorstellen, daß lebenslange Kompensationsstrategien zur ein oder anderen sturen Schrulligkeit im Alter führen können, auch zum großen Leidwesen der Umgebung.(wenn ich da so an meine Mutter denke, tststs…)

  2. Tux

    es ist ja leider nichtmal selbstverständlich, das bei erwachsenen überhaupt ein AD(H)S diagnostiziert wird… ist ja schließlich eine “kinderkrankheit”.

  3. Wo fängt denn “Alter” an ? Ich habe bis vor einigen Tagen eine 70 jährige Patientin mit diagnostiziertem ADHS in der Klinik gehabt. Kathleen Nadeau in den USA hat sehr gute Vorträge zu diesem Thema bei Juvemus gehalten und auch Artikel publiziert. Grundprobleme sind eigentlich die selben. Hinzu kommt dann aber, dass man häufig eben seine gewohnte Struktur und Aufgaben im Alter (z.B. durch Tod des Partners, Aufgabe der beruflichen Tätigkeit) verliert und dann zu viel Zeit und damit auch irgendwo Langeweile hat. Damit können ADHSler schlecht umgehen, wenn die Strukturierung fehlt.
    Bei der Patientin kam hinzu, dass sie Bluthochdruck und andere medizinische Probleme hatte. Machte es auch nicht leichter bzw. man konnte nicht ausschliessen dass ein Teil der Probleme eher dadurch bzw. Nebenwirkungen der Medikamente kam. Insgesamt ein neues Gebiet, aber kein völlig unbekanntes Terrain.

    Viele Grüsse (aus dem Bereitschaftsdienst der Klinik Lüneburger Heide)
    Martin W.

  4. @Achter, @Tux, @ Martin

    Vielen Dank schon mal für Eure interessanten Kommentare, Links und Empfehlungen!

    “sture Schrulligkeit” hätte ich jetzt mit “Starrsinnigkeit” beschrieben und zwar einer, vor der auch ‘ausgewachsene’ Neurologen und Psychiater die Hacken zusammenschlagen … ;-)

    Stimmt @Tux, man sollte den Fokus erweitern, dann gäbe es vielleicht auch mehr ‘Erleuchtung’ für die Kinder?

    @Martin: Alter ist natürlich relativ, ich denke bei meiner Frage daran, wie sich bei Menschen, die ein Leben lang mit AD(H)S zu tun hatten, dieses im Alter von 70, 80 oder älter ‘ereignet’.

    Die fehlende Struktur im Alltag spielt ganz sicher eine Rolle, aber selbst wenn keine einschneidenden Ereignisse vorliegen, wie Partnerverlust etc. kann man entdecken, daß die Hyperaktivität bis ins hohe Alter “genährt” werden will. Zwischen geistiger Aktivität und körperlicher Schwäche wird die Diskrepanz immer größer.

    Im hohen Alter liegen oft medizinische Probleme vor und natürlich spielen Nebenwirkungen von Medikamenten eine große Rolle. Wenn man das aber relativ ausschließen kann, stellt sich mir immer noch die Frage, was man tun könnte um dem Betroffenen selbst und seinen Menschen im Umfeld das Leben erträglicher zu machen.

    Eine Schwierigkeit wird sein, daß die heutigen 70ig bis 80ig und darüberhinaus -jährigen, ein ADHS für sich gar nicht akzeptieren, ob diagnostiziert oder nicht.

    Ich werde mich mal Eurer empfohlenen Lektüre widmen. Vielen Dank!

  5. closingtimeat6am

    Es sind ja nicht nur Leute im Seniorenalter, mein Vater z.B. wehrt sich immer noch mit Händen und Füßen gegen die Einsicht dass er zweifelsfrei ADHS hat. Trotz der Einschränkungen die er dadurch hinnehmen muss will er es immer noch nicht versuchen zu therapieren aber das ist ja nicht die einzig diagnostizierte Krankheit die er ablehnt …

  6. @closingtimeat6am

    Trotz der Einschränkungen die er dadurch hinnehmen muss will er es immer noch nicht versuchen zu therapieren…

    Genau DAS ist ein riesengroßes Problem, geht mir genauso: Heuschnupfen ist gesellschaftlich ‘anerkannt’ – ein ‘Tic-Husten’ nicht und Hyperaktivität versteckt sich unter dem Deckmantel positiv gesinnter Werbevokabeln wie “agil, mobil, aktiv, flexibel, aufregend, bewegend, erfrischend, weltbewegend … usw” – ältere und alte Menschen bestätigen ihr Selbstwertgefühl damit, sich in einem ständigen Arbeitsprozess zu befinden, der vorallen Dingen sichtbar sein muss, d.h. schnelle Erfolge etc. Lob und Anerkennung und das hat nur Gültigkeit, wenn es von Außen kommt …?

    Von “Außen” wird tatsächlich eine solche Bewertungsstruktur herbeigeführt und sogar gefördert, was ich recht fatal finde, weil uns allen – egal ob ADHS, Tics, Teilleistungsschwächen oder “nix Erkennbares” die Möglichkeit der Selbstzufriedenheit genommen wird.

    Schade, daß es uns fast unmöglich ist, unsere Eltern und Älteren in der Gesellschaft ganz normal darauf hinzuweisen, daß hier ganz einfach ein organisches Problem vorliegt, welches nicht automatisch Arbeitsunfähigkeit beeinhaltet und auch keine geistige Destruktion provoziert. Letztendlich möchte ich ausdrücken, daß die herbeigeführte Verschleierung durch Betroffene, die keine Selbstakzeptanz für sich finden, dazu beitragen daß der eigentlichen Problematik noch ein negativer Hut aufgesetzt wird.

    Es gibt motivierte Mediziner und Therapeuten, die mit der Taucherbrille versuchen alle Schichten dieser “Zwiebel” freizulegen, leider scheitern 90 Prozent an den ersten ‘verschimmelten’ Schichten und das auch deshalb, weil sie schlechte Taucherbrillen haben …

    … aber die ‘schizophrene Hypochondrie’ assoziierter Beteiligter und sei es nur ein Hundertstel Gen oder Chromosom, versperrt die Sicht und erzeugt nur Nebel – leider …

  7. Melanie Van Buren

    Hallo ihr Lieben
    Ihr habt ja schon ganz schön viele Infos über ADHS im Alter.
    Ich arbeite als Pflegehelferin in einem Seniorenhaus und wir hatten gestern eine ethische Fallbesprechung über eine Bewohnerin die trotz Beruhigungsmedikamente so aktiv ist, rumschreit,auf den Tisch haut um Aufmerksamkeit zu bekommen, das mein Team und ich auf die Idee gekommen sind, das Sie vielleicht ADS haben könnte. Dies ist aber bei Ihr nie diagnostiziert worden. Jetzt stell ich mir die Frage was man da tun kann, medizinisch gesehen, kann man das jetzt noch medikamentös in den Griff bekommen? Die anderen Bewohner des Hauses die sonst eher ruhig sind, fühlen sich immer mehr gestört und werden agressiv von dem konstannten rumgeschreie. Wir wollen die Bewohnerin natürlich nicht mit den Beruhigungsmedis vollpumpen, sodas Sie nur noch vor sich hinwegetiert.

  8. Trotzdem das Thema ‘Pflege im Alter’ immer brisanter wird, scheint sich dem Thema ‘ADHS im Alter’ niemand so recht nähern zu wollen. Meine Erfahrung bis jetzt ist, dass unter der Vokabel ‘Demenz’ so ziemlich alles abgefackelt wird. Es bleibt zu wünschen, dass sich Gerontologen diesem Thema intensiver nähern. Die Diagnose ist schon bei jungen Menschen schwierig, bei älteren dürfte sie noch schwieriger sein, da diese zumeist mit einem täglichen Medikamentencocktail leben und Symptome auch durch Neben- bzw. Wechselwirkungen entstehen können. Außerdem trägt die jahrzehntelange Tabuisierung nicht gerade dazu bei, grundlegende Strukturen sichtbar zu machen. Interessante Ansätze liefert die Traumaforschung.

    Eine medikamentöse Lösung für alte Menschen wird aus diesen Gründen wahrscheinlich wenig bringen – eher im Gegenteil. Menschen mit ADHS brauchen und fordern überproportional viel Aufmerksamkeit, wenn ein Familienverbund das zu leisten im Stande ist, wäre das die würdigste Lösung. Leider zerbrechen viele Familien an dieser hohen Belastung und so bleibt oft bis meistens nur die unwürdige Möglichkeit der Sedierung, wie wir sie oft genug in der Praxis erleben.

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